Interview mit Literaturpädagogin Simone Eutebach: Tipps zur Leseförderung von Kindern
22.09.2026 | Interview
Vorlesen ist nicht nur wichtig für die Sprachentwicklung von Kindern, sondern kann auch ein schönes Familienritual sein. Im Interview mit Leseexpertin Simone Eutebach geht es um die Stärkung der Lesekompetenz von Kindern. Lesen Sie hier & erfahren Sie spannende Tipps rund ums Thema.

Frage: Warum ist Vorlesen für Kinder so wichtig?
Es ist schön! Lesen in einer behaglichen, gemütlichen Situation stärkt die Beziehung von Eltern und Kindern.
Die gemeinsame Zeit erzeugt Nähe, das Eintauchen in eine Geschichte, Sprechen und Lachen verbindet.
Kinder begreifen dadurch die Welt um sie herum, sie wachsen hinein. Sie vergleichen sich mit den Figuren der Geschichte, erfahren, was Handlungsoptionen für verschiedene Situationen im Alltag sind, welche Lebensrealitäten es außerhalb ihrer eigenen gibt. Im besten Fall haben Kinder dadurch pünktlich zum Schuleintritt richtig Lust bekommen, selbst Lesen zu lernen.
Frage: Welche Auswirkungen hat regelmäßiges Vorlesen auf die spätere Sprach- und Lesekompetenz von Kindern?
Das Vorlesen erweitert den Wortschatz und das Ausdrucksvermögen, stärkt Sprachstrukturen und Grammatik. Forschungsergebnisse zeigen, es lohnt sich bereits den Jüngsten vorzulesen, denn es wirkt sich positiv auf die Sprachentwicklung aus!
Ein Beispiel aus dem Schulkontext: Wenn ich Wörter und ihre Bedeutung bereits kenne, kann ich sie erstens leichter entziffern und ich begreife zweitens, was ich da lese. Das Wort ist dann schon mit Bedeutung aufgeladen und kann verstanden werden. Das stärkt das Kind im Leseerwerbsprozess und weckt die Freude am Lesen und motiviert.
Frage: Welche Tipps haben Sie für Eltern, um das Vorlesen möglichst einfach und regelmäßig in den Familienalltag zu integrieren?
Finden Sie ihre persönliche Zeit im Tagesablauf. Sich abends im Schlafanzug noch einmal gemütlich auf die Couch zu kuscheln und den Tag gemeinsam bei einer Geschichte ausklingen zu lassen ist ebenso eine feine Sache, wie die Stunde nach dem Mittagessen oder nach dem Kindergarten. Wieder andere genießen das Lesen als Start in das Wochenende.
Es lohnt sich eine feste Zeit beizubehalten, gerne auch mehrmals in der Woche, idealerweise täglich.
Dabei kann das Vorlesen auch von unterschiedlichen Personen übernommen werden. In ihrer Tasche ist Platz für ein kleines Buch, das Sie jederzeit zücken können? Wunderbar, so lassen sich Wartezeiten perfekt überbrücken.
Frage: Worauf sollten Eltern bei der Auswahl geeigneter Bücher für ihre Kinder achten?
Bücher sollten immer dem Lesealter des Kindes entsprechen, am Anfang stehen einfache Pappbilderbücher, der Schwierigkeitsgrad wächst dann mit dem Kind. Lassen Sie ihr Kind gerne aussuchen, was es interessiert und wonach ihm gerade der Sinn steht. Auch wenn es immer wieder mit derselben Geschichte unter dem Arm ankommt, werten Sie nicht, sondern geben sie dem Kind den Freiraum zu wählen. Vielleicht kann das Kind Ihnen schon die Geschichte erzählen? Schauen Sie in der Bücherei vorbei und leihen Sie regelmäßig einen Schwung neuer Bücher aus, so kommt automatisch Abwechslung ins Spiel. Es ist auch eine gute Idee in Ihrer Familiensprache vorzulesen, in vielen Büchereien gibt es ein mehrsprachiges Bilderbuchangebot.
Frage: Gibt es bestimmte Themen, Genres oder Formate, die Kinder besonders gerne lesen oder vorgelesen bekommen?
Kinder mögen Sicherheit. Wenn ihnen Figuren bekannt und vertraut sind, greifen sie umso lieber zu diesen Büchern. Viele Kinder möchten gerne Expert_innen auf ihrem Gebiet sein, schauen Sie, welches Interesse von ihrem Kind ausgeht, vielleicht sind es Baustellenfahrzeuge, Weltraumabenteuer oder Tierkinder. Und Spaß machen darf es sowieso: Fast alle Kinder mögen lustige, gereimte Geschichten und auch Geschichten, in denen sie sich selbst wiederfinden können.
Frage: Welche Anlaufstellen, Initiativen oder Internetseiten empfehlen Sie Eltern, die sich über Leseförderung und Vorlesen informieren möchten?
Einige Artikel auf elternleben.de widmen sich den Vorzügen des Vorlesens und den positiven Auswirkungen. Wenn der Lesestoff ausgeht oder die Zeit mal fehlt, können VorleseApps Abhilfe schaffen, eine Übersicht bietet fluxie.de, zu finden sind dort auch Vorlesetexte auf einfachvorlesen.de. Tipps zum Basteln oder Audio-Geschichten gibt es in der Geckothek auf gecko-kinderzeitschrift.de. Empfehlungen für Bücher gibt es je nach Geschmack auch auf Instagram, einfach mal ein bisschen stöbern.
Frage: Kinder kommen heute immer früher mit digitalen Medien in Kontakt. Wie beeinflusst diese Entwicklung die Sprach- und Lesekompetenz von Kindern? Und wie kann ein gesunder und ausgewogener Medienkonsum aussehen?
Untersuchungen zeigen, dass hoher digitaler Medienkonsum bei jungen Kindern Sprachentwicklungsauffälligkeiten zur Folge haben kann. Wenn Kinder und Eltern auf Bildschirme schauen, führt dies auch dazu, dass weniger miteinander geredet wird, doch nur durch Gespräche und Austausch wird Sprache gelernt und Wortschatz aufgebaut. Daher lauten Empfehlungen verschiedener Institutionen, Kinder unter drei Jahren von Bildschirmen fernzuhalten und auch im Vorschulalter die Zeit auf 30 Minuten zu begrenzen.
Wünschenswert ist beim Eintritt in die digitale Welt die Begleitung durch Erwachsene, um Inhalte zu steuern und über das Gesehene zu sprechen.
In den ersten Lebensjahren zählen Erfahrungen mit allen Sinnen und einem echten Gegenüber.
Für Bilderbücher gibt es dagegen keine Obergrenze, vom gemeinsamen Vorlesen und anschließenden Gesprächen profitieren Kinder (und Eltern) unmittelbar und langfristig.
Weitere Tipps & Anlaufstellen
Große Auswahl an Medien und Veranstaltungen in den 36 Zweigstellen der Büchereien Wien, besonders ist die Kinderbücherei der Weltsprachen, die jeden Nachmittag geöffnet ist. Da finden alle ihren Lieblingslesestoff.
In Buchhandlungen lässt sich herrlich stöbern. In diesem genossenschaftlich geführten Buchladen trifft Bücherliebe auf engagierte Menschen. Kaffee gibt es auch.
Im zweisprachigen Magazin stecken dreimal im Jahr abwechslungsreiche Geschichten, Basteltipps und Wimmelbilder. In 11 Sprachkombinationen bestellbar.
Orientierung im Bücherdschungel: kenntnisreiche Expert*innen verraten ihre aktuellen Empfehlungen von Bilderbuch bis Jugendroman.
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Eintauchen in die faszinierenden Bauwerke der Achtbeiner. (Jan Beccaloni, Namasri Niumim / ars edition 2026)
Über Simone Eutebach
Simone Eutebach ist qualifizierte Literaturpädagogin, ihr Herzensanliegen ist es, Kinder und Vermittler_innen für das (Vor-)Lesen zu begeistern, am besten so früh wie möglich. Sie arbeitete viele Jahre in einer Bibliothek und ist derzeit als pädagogische Fachkraft in einem Wiener Kindergarten tätig. Freiberuflich gibt sie in Fortbildungen ihr Wissen über Kinder- und Jugendliteratur weiter.



