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KUNDENPORTAL

Animismus - Moderne hinter den Spiegeln

Pressegespräch und Vorbesichtigung: 15. September 2011, 10 Uhr

Eröffnung: 15. September 2011, 19 Uhr

Ausstellungsdauer: 16. September 2011 bis 29. Januar 2012

Agentur, Marcel Broodthaers, Adam Curtis, Didier Demorcy, Walt Disney, Jimmie Durham, Eric Duvivier/Henri Michaux, Thomas Alva Edison, León Ferrari, Walon Green, Victor Grippo, Candida Höfer, Luis Jacob, Ken Jacobs, Joachim Koester, Yayoi Kusama, Maxim Komar-Myshkin/Roee Rosen, Len Lye, Chris Marker/Alain Resnais, Daria Martin, Angela Melitopoulos/Maurizio Lazzarato, Ana Mendieta, Vincent Monnikendam, Jean Painlevé, Hans Richter, Natascha Sadr Haghighian

Animismus ist ein mehrteiliges Ausstellungsprojekt, das nach Stationen in Antwerpen und Bern nun in der Generali Foundation präsentiert wird. Die Ausstellung Animismus. Moderne hinter den Spiegeln greift die gegenwärtig auf breiter Ebene stattfindende Neubewertung der Moderne auf und verhandelt sowohl das ethnologische Konzept des Animismus, wie es im Kontext des Kolonialismus formuliert wurde, als auch den Begriff des Animismus in der Psychoanalyse. In Wien, der Stadt Sigmund Freuds, richtet die Ausstellung den Fokus unter anderem auf ästhetische Ansätze, die die Gegenüberstellung von psychischer Innen- und materieller Außenwelt hinterfragen.

Der „alte“ Animismus – Fluchtpunkt der Moderne
Ende des 19. Jahrhunderts wird der Animismus als Summe abergläubischer Vorstellungen verstanden, als die Realität verkennende „Projektion“, anhand derer das „primitive
Bewusstsein“ den Kosmos mit Seelen und Geistern bevölkert. Den Dingen und der Natur
wird dabei Leben, Handlungsmacht und Subjektcharakter zugeschrieben. Auf dem
Höhepunkt des europäischen Kolonialismus wird der Animismus zum Gegenbild der
Zivilisation, zum exemplarischen Ausdruck eines primitiven „Naturzustands“, in dem Psyche
und Natur als ungeschieden gelten. Im Kontext der kolonialen Moderne fungierte das Bild
des Animismus als Spiegel, durch den die Moderne sich ihrer selbst versicherte, indem er
zeigt, was sie nicht ist. Modern sein hieß demnach, den Animismus hinter sich zu lassen
und die Welt nach den seit Descartes gültigen dualistischen Trennungen – in Seele und
Körper, in Geist und Materie – aufzuteilen.

Der „neue“ Animismus – eine Reaktivierung
In der Anthropologie kommt es im Zuge der Kritik an den Dualismen und statischen
Kategorien der Moderne in letzter Zeit zu einer Neubewertung des Animismus. Lässt sich der
Animismus jenseits der westlichen Vorstellung davon, was „Leben“, „Seele“, „Selbst“,
„Natur“, „übernatürliche Kräfte“ oder „Glaube“ sind, als Praxis begreifen, bei der es um andere Erfahrungen von Subjekt-Objekt-Relationen geht? Um Prozesse von Subjektivierung
und Objektivierung etwa und nicht um starre Kategorien? Die Grenzziehungen zwischen
Natur und Kultur, Menschen und Nicht-Menschlichem (Natur, Technologie), Psyche und
Außenwelt und Leben und Nicht-Leben anders denken zu können, ist heute angesichts
ökologischer, technologischer und biopolitischer Entwicklungen eine ganz konkrete politische
Herausforderung.

Ausstellungsszenen – Demarkationslinien, Schwellen, Übergänge
Die Ausstellung Animismus. Moderne hinter den Spiegeln verhandelt diese Grenzen entlang
ästhetischer Prozesse, die aufzeigen, was geschieht, wenn die strikte Trennung von Subjekt
und Objekt aufgelöst wird. Auch das Museum als Objektivierungs- und Mumifizierungs-
Apparat wird dabei zum Gegenstand der Befragung. So verweisen die Fotografien von
Candida Höfer, Ansichten aus ethnografischen Sammlungen, auf die Tradition des
Konservierens und der Ordnung des Wissens, in der notwendigerweise auch diese
Ausstellung steht. Jimmie Durhams Installation The Dangers of Petrification (2007) hält
dem mortifizierenden Museumsapparat und der westlichen Vorstellung von Stein als „toter
Materie“ einen spielerischen Spiegel vor. Victor Grippo verschiebt den Begriff der
unbelebten Materie weiter, indem er in seinen Werken die in Kartoffeln enthaltene Energie
nutzt und deren soziopolitische Bedeutung als „Lebensspender“ unterstreicht.
In der Archivinstallation Versammlung (Animismus) (1992–) zeigt Agentur eine Auswahl aus
ihrer umfangreichen Sammlung von Gerichtsverfahren über Urheberrechtsstreitigkeiten, in
denen juristische Auseinandersetzungen zu Fragen wie Autor_innenschaft, Kreativität und
Handlungsmacht zu Foren für die Verhandlung der Grenze zwischen Menschen und Dingen,
zwischen Natur und Kultur werden.
Der aus tausenden Einzelzeichnungen bestehende, 1929 entstandene Animationsfilm
Tusalava von Len Lye ist von der Kunst der australischen Aborigines beeinflusst und kann
als „primitivistisches“ Werk gelten. In der Ausstellung befindet er sich in unmittelbarer Nähe
zu Walt Disneys The Skeleton Dance, ebenfalls aus dem Jahr 1929, ein Film, der auf
exemplarische Weise die „Gesetze“ des kinematografischen Animationsuniversums zum
Ausdruck bringt. Capitalism: Slavery (2006), ein Video von Ken Jacobs, führt die Frage
nach den Möglichkeiten filmischer Animation weiter, indem er die Technik der Bildanimation
mit den monotonen, normierten Bewegungen der Plantagenarbeit verbindet. Auch Joachim
Koesters Animation der unter dem Einfluss von Meskalin gefertigten Zeichnungen von
Henri Michaux, My Frontier is an Endless Wall of Points (2007), verweist auf die wachsende
Kluft zwischen dem Repräsentierbaren und dem Nicht-Repräsentierbaren, zwischen
symbolischer Struktur und Imagination.
Assemblages (2010), eine auf einem umfassenden Rechercheprojekt basierende
Videoinstallation von Angela Melitopoulos und Maurizio Lazzarato, folgt den geistigen
Spuren von Félix Guattari – Philosoph, Aktivist, institutioneller Psychotherapeut und
Mitautor von Gilles Deleuze. Für die Ausstellung in Wien wurde das Projekt um die neue
Arbeit Déconnage (2011) erweitert, die sich auf Guattari’s „Vorläufer“ Francoise Tosquelles
konzentriert. Die Arbeiten führen die beiden Hauptstränge der Ausstellung, die Verhandlung
der Beziehung von Selbst und Welt und jener von Mensch und Natur, zusammen und
verfolgen sie im Kontext der Psychiatriegeschichte ebenso wie des politischen Widerstands.

Die zahlreichen Werke der Ausstellung spüren Demarkationslinien, Schwellen und
Übergänge der kanonischen Trennungen in unterschiedlichen Medien und mittels
heterogener Strategien auf, überzeichnen, verschieben und transformieren sie.
Animismus. Moderne hinter den Spiegeln legt die Notwendigkeit einer Revision und
Dekolonisierung nicht nur des überkommenen Verständnisses von Animismus, sondern
auch des sich darin ausdrückenden modernen Imaginären nahe.

Konzept: Anselm Franke
Kurator_innen: Anselm Franke mit Sabine Folie
Assistenz-Kuratorin: Georgia Holz
Presse: Barbara Mahlknecht +43 1 504 98 80–71114, found.presse@generali.at

Begleitprogramm (Eintritt frei)
15. September 2011, 20 Uhr
Performance: The Holy Spirit (im Anschluss an die Eröffnung)
Jimmie Durham, Künstler

16. September 2011, 19 Uhr
Vortrag (Englisch)
Groundless in the Museum: Anarchism and the Living Work of Art
Luis Jacob, Künstler
Anschließend Gespräch mit Anselm Franke, Kurator

17. September 2011, 16 Uhr
Kuratorenführung Anselm Franke

1. Oktober 2011, 18–01 Uhr
Lange Nacht der Museen
Kunstauskunft

14. November 2011, 18 Uhr
Nervous Magic Lantern Performance
Ken und Flo Jacobs, Filmemacher_innen

16. November 2011, 19 Uhr
Kuratorenführung Anselm Franke (Englisch)

13.–14. Dezember 2011, 18–21 Uhr
Die Spiegel der Moderne. Animismus im Perspektivenwechsel
Symposium* (Deutsch und Englisch)
Edwin Carels, Film- und Medienkurator, M HKA, Antwerpen
Diedrich Diederichsen, Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von
Gegenwartskunst, Akademie der bildenden Künste Wien
Esther Leslie, Professorin für Ästhetik der Politik, Birkbeck University, London
Angela Melitopoulos, Künstlerin (Berlin)
Sypros Papapetros, Professor für Geschichte und Theorie der Architektur,
Princeton University School of Architecture
Elisabeth von Samsonow, Professorin für philosophische und historische
Anthropologie der Kunst, Akademie der bildenden Künste Wien
Moderation: Anselm Franke, Kurator (Berlin)

19. Januar 2012, 19 Uhr
Kuratorenführung Anselm Franke

* Nähere Details zum Symposium sind ab November auf unserer Webseite abrufbar.